Graf York von Wartenburg (2. Kapitel)
Graf York von Wartenburg [2. Kapitel]
Des Helden Leben und Thaten.
Erzählt von
L. Würdig
Glogau.
Verlag von Carl Flemming.
II.
York in holländischen Diensten.
Genau mit denselben Worten, mit denen wir das erste Kapitel geschlossen, hatte König Friedrich II. Einige Jahre vorher auch dem Rittmeister von Blücher, dem späteren „Marschall Vorwärts,“ den Laufpaß gegeben, und kurz nach Beendigung des zweiten schlesischen Krieges war es dem braven Rittmeister von Zieten, später General der Kavallerie – „Vater Zieten“ – ähnlich ergangen, dem der König nach Beendigung einer Revue die sehr ungnädigen Worte zugerufen hatte: „Mach Er, daß Er mir aus den Augen kommt!“
Unwillig drängt sich einem der Gedanke auf, was wohl aus Preußen geworden wäre, wenn diese überaus tapferen Führer: Zieten, Blücher und York ihm in den Zeiten der Gefahr und Not gefehlt hätten? -
So unerträglich dem zwanzigjährigen raschen York auch anfangs die Gefängnishaft in der Königsberger Citadelle war, so segensreich sollte sie für ihn werden. In der einsamen Zelle bemühte sich der strebende Jüngling vor allem, das in seiner Jugend Versäumte möglichs nachzuholen, sein Wissen und Können zu bereichern. Mit besonders gutem Erfolg trieb er Französisch und studierte kriegswissenschaftliche Schriften.
Als die Zeit der Haft vorüber war, und ein von Yorks Vater an der König gerichtetes Gesuch um Begnadigung und Wiederanstellung des Sohnes abschlägig beschieden ward, bot sich dem jungen Manne kein anderer Ausweg dar, als sein teures Heimatsland zu verlassen und auswärtige Kriegsdienste zu suchen. Er richtete sein Augenmerk auf das reiche, blühende, kriegsgeübte Holland, nach dem Haag, der Residenz des Erbstatthalters, und wollte, falls er hier abgewiesen werden sollte, sich der „holländischen Kompanie“ verkaufen, um in fremden Erdteilen Brot, Ehre und Ruhm zu gewinnen.
Aber eine Reise nach Holland kostete viel Geld, und York war arm, wie wir schon wissen; er besaß an barem Gelde nichts als zwanzig Dukaten, welche sein Vater ihm geschenkt hatte. Deshalb entschloß er sich, obwohl mit schwerem Herzen, ein Paar schöne, ihm besonders werte Pistolen zu verkaufen. Einer seiner Freunde machte ihm den Vorschlag, die Pistolen, die gewiß ein jeder gern als ein Andenken an ihn besitzen werde, unter seinen näheren Bekannten auszuspielen. York ging darauf ein und übergab zu diesem Zweck dem Freunde die Pistolen. Die Sache ging rasch vor sich. Aber derjenige Offizier, der so glücklich war, sie zu gewinnen, übersandte sie ihm kurz darauf mit dem Erlös von 150 Thalern und der Bitte, die schönen Waffen als Andenken an seine Braunsberger Freunde auch ferner zu tragen.
So war also für die nächste Zeit gesorgt. Mit den besten Zeugnissen versehen (das eines Oberstend von Schellenberg vom Luckischen Regiment lautete: „York sei ein Mann von Ambition, der sein Handwerk wohl verstehe, und für den sich eine Stellung als Adjutant besonders eigne“ u. s. w.), außerdem wohl auch unter der Hand durch den Kronprinzen, den späteren König Friedrich Wilhelm II., und dessen Schwester, Gemahlin des Erbstatthalters, empfohlen, trat York zu Anfang Mai 1781 in Gottes Namen seine Reise an und erreichte dann von Pillau über Kopenhagen glücklich das Ziel seiner Wünsche.
Die Aufnahme im Haag war eine äußerst gnädige; aber dabei blieb es vorderhand, da der Statthalter Anstand nahm, dem Ausländer so schnell eine Anstellung im Heere zu geben. So mußte York sich noch eine Zeitlang in der Geduld üben, und mit seiner geringen Barschaft ging es auch bald zu Ende, denn das Leben in Holland war teuer. Jedoch an Entbehrung von Jugend auf gewöhnt, da er durch die Schule der Armut gegangen war, machte ihm seine Lage wenig Sorge, im Gegenteil, es ward dies Gebundensein ein großer Segen für ihn; denn nicht nur bewahrte es den jungen Mann vor Leichtsinn, Stolz und Üppigkeit, durch welche Fehler schon manches Muttersöhnchen leiblich und geistig zu Grunde gegangen ist, sondern es weckte und kräftigte auch den männlich festen Sinn und ließ ihn die Weisheit und Gnade seines Herrn und Gottes erkennen, dem er von ganzem Herzen ergeben war. Übermut thut niemals gut; unsere meisten großen Männer sind in der Jugend knapp und streng gehalten worden; der Baum, der gedeihen soll, muß neben Sonnenschein und Frühlingsluft auch Regenschauer, Unwetter und Winterstrenge durchmachen, und treffend heißt es in den Sprüchen Salomonis: „ Ehe man zu Ehren kommt, muß man zuvor leiden.“ -
Holland führte damals Krieg mit England. Das langjährige Bündnis zwischen beiden Staaten hatte der Stolz und Übermut der Briten schon im Dezember 1780 zerrissen. Mit ihrer ganzen Übermacht hatten sie sich vom Beginn des Krieges an auf die Kauffahrtei der Niederländer geworfen und so deren Handel bedeutenden Schaden zugefügt. Viele Hunderte von holländischen Schiffen lagen unthätig in den Häfen oder harrten in weiter Ferne auf eine schützende Flotte, sie heimzugeleiten.
Zu dieser Zeit empfing der holländische Admiral Zountman Befehl, mit einer aus achtzehn größeren und kleineren Schiffen bestehenden Flotte siebzig Kauffahrer zu begleiten und die in den norwegischen Häfen liegenden Kauffahrer sich durch die Ostsee zu bringen. Kapitän Kinsbergen, der das größte Schiff, den „Admiral General Ruyter,“ vierundsiebzig Kanonen stark, führen sollte, hatte unsern York kennen gelernt und liebgewonnen. Er forderte ihn auf, die Expedition mitzumachen. York sagte mit Freuden zu, und schon Ende Juli stach die Flotte in See. Am 5. August 1781, in der Frühe eines Sonntagsmorgens, gewahrte man in der Gegend der „Doggersbank“ die englische Flotte unter vollen Segeln. Sofort begann man sich schlagfertig zu machen. In fürchterlicher Stille, wie ein Bericht lautet, nährten sich die Linien. Man war keinen Flintenschuß weit voneinander, und noch immer herrschte ein unheimliches Schweigen. - Da waren es die holländischen Batterieen, die den Kampf eröffneten, und kurze Zeit darauf krachten auch die englischen Geschütze. Der „Admiral General Ruyter“ schlug sich glänzend; es währte nicht lange, da schoß er den Besanmast des Gegners in Stücke und zwang ihn zur Flucht. Nicht besser erging es dann den übrigen englischen Schiffen, die, schwer beschädigt, eiligst das Weite suchen mußten. Da war Freude über Freude bei den Holländern. Die Soldaten und Matrosen steckten die Köpfe zu den Kanonenluken heraus und schrieen dem abziehenden Feinde ihr landesübliches „Huzzah“ nach.
Auf Kapitän Kinsbergens Vorschlag wurde York von Admiral Zountman nach dem Haag zurückgesandt, um dem Erbstatthalter die Nachricht von diesem glänzenden Siege zu überbringen.
Der Prinz, der sich gerade im Theater befand, war hoch erfreut. Auf seinen Wunsch mußte York von der Bühne herab auch dem versammelten Publikum diese Siegesnachricht mitteilen. Ein unermeßlicher Jubel brach aus und verbreitete sich schnell über Stadt und Land.
Für unsern York ward diese Sendung von der Doggerbank nach dem Haag zurück von großen Vorteil. Der Erbstatthalter verlieh ihm eine Kompanie seiner Garde, und dessen Gemahlin fügte „zur Beihilfe für kostspielige Equipierung“ eine Rolle Dukaten hinzu.
Dadurch war York plötzlich aus alln seinen Verlegenheiten. Leider aber auf nicht lange Zeit. Das Leben am Hofe und das hohe Spiel, das damals zum guten Ton gehörte, brachte ihn bald von neuem in eine üble Lage. Er war nahe daran, dem schwelgerischen Hof- und Soldatenleben zu erliegen, hätten ihn nicht sein fester Mannessinn und seine Ehrenhaftigkeit über Wasser gehalten. Rasch entschlossen, dem Haag und seiner Verführung zu entfliehen, ein anderes und besseres Leben zu beginnen, verkaufte er nach damaliger Sitte seine Kompanie, bezahlte mit diesem Gelde seine Schulden und nahm dann eine Hauptmannsstelle bei der holländisch-ostindischen Kompanie an. Weil auch diese von England stark bedroht war, wurde schleunigst gerüstet. Nachdem York ohne besonderen Erfolg in der Schweiz Soldaten anzuwerben versucht hatte, erhielt er Befehl in Paris die nötigen Waffen und Montierungen zu besorgen. Als York die stolze Seinestadt betrat, die damals noch das alte, aber schon völlig unterwühlte Frankreich in vollem Glanze repräsentierte, ahnte er gewiß nicht, daß er zweiunddreißig Jahre später als sieggekrönter preußischer General hier einziehen werde.
Gegen den Herbst 1782 ging York mit seinen Soldaten in See. Sein Regiment ward zum Dienst am Kap der guten Hoffnung bestimmt. Sturm sowohl als Windstille waren der Fahrt sehr hinderlich, und erst den 7. Februar 1783 fuhr man in den Hafen der Kapstadt ein.
York gefiel sich hier bald außerordentlich, ward aber nach kurzem Aufenthalt mit einem Teil des Regiments nach Ceylon abkommandier, das in Gefahr schwebte, von den Engländern genommen zu werden. Kaum war er hier ans Land gestiegen, so wurde die Mannschaft von dem Feinde angegriffen. Ein wütender Kampf entstand. So tapfer sich auch die Truppen schlugen, vor der Übermacht der Engländer mußten sie sich mit großem Verlust zurückziehen und wurden dann in der höchsten Not von Frankreichs größtem Seehelden, dem Admiral Souffiren, aufgenommen. Das Bild dieses Mannes, der zum Herrschen geboren war, prägte sich tief in Yorks Seele. - Souffren eilte mit dem aufgenommenen Regiment den Engländern nach, traf sie am 17. Juni 1783 auf offener See und eröffnete sofort den Kampf mit ihnen. Unser York focht tapfer mit, ward aber von einer feindlichen Kugel leicht verwundet und stürzte über das Vorderdeck. Doch Gott der Herr hielt seine schützende Hand über ihn ausgebreitet, den jungen Helden für bessere Zeiten und höhere Ziele aufsparend. Er blieb an der Ankerspitze hängen und wurde zwar mit einer tiefen Wunde am Schenkel aber sonst doch glücklich dem drohenden Wassergrabe entrissen.
Vom Bord der französischen Schiffe ging York mit dem sehr gelichteten Regiment nach Ceylon zurück, wo seine Wunde unter guter Pflege bald heilte. Dann kam der Friede zwischen Holland und England zu stande; und da die Insel Ceylon im Besitz der Holländer blieb, ward York kommandiert, den Schmuggelhandel an der Küste, der in der letzten Zeit überhandgenommen hatte, zu überwachen.
Mit wehmütigen Gefühlen sah er das französische und holländische Geschwader den Weg heimwärts nach Europa nehmen, während er selbst im Dienste einer Kompanie Kaufleute verharren mußte. Der Gedanke an das Vaterland, das ihn verstoßen, an das Vaterhaus, von dem ihm seit seinem Austritt auch nicht das kleinste Zeichen zugegangen war, daß man dort noch seiner gedenke, weckten einen Schmerz in ihm, der bei seinem so eigentümlich angelegten Charakter bald in große Bitterkeit überging.
Dazu kam noch, daß seine bunt zusammengewürfelte Kompanie, die durch den Umgang mit den leichtfertigen Franzosen noch verwöhnt war, durchaus keinen Gehorsam und soldatischen Takt lernen wollte. Oftmals wurde er gezwungen, mit blanker Waffe gegen die Widerspenstigen vorzugehen, weil er sie anders nicht zu bändigen vermochte. Vor dem „preußischen Herrn“ oder dem „kleinen Teufel,“ wie sie ihn nannten, hatte jeder Soldat Furcht.
Die einzige Muße und Erholung für York war hier die Jagd. Dem leidenschaftlichen Jäger waren die vielfachen Gefahren, die auf dieser Insel Wald, Dickicht und Sumpf bargen, nur ein Reiz mehr und stählten seine Kräfte.
Von Ceylon nach der Kapstadt wieder zurückkommandiert, verkaufte er hier seine Kompanie und kehrte dann nach mehr als zweijähriger Abwesenheit nach Holland zurück, woselbst er eine neue Anstellung in der Armee erhielt.
Hier hatte sich seitdem in den öffentlichen Verhältnissen vieles verändert. Der beginnende Freiheitsschwindel der Franzosen war auch bereits in dieses Land gedrungen. Ordnung und Zucht waren gelockert, ein wilder Geist spukte in Volk und Heer, und auf den Statthalter schmähen, die Ehre seiner Gemahlin besudeln, solche und ähnliche Nichtswürdigkeiten waren an der Tagesordnung.
Obgleich York der erbittertste Feind dieses schamlosen Treibens war, so hatten die sogenannten „Patrioten,“ Männer der Willkür und des Umsturzes, die diesen schönen Namen zu keiner Zeit mehr Unrecht trugen als damals, dennoch die Nachricht verbreitet, Kapitän York sei auf ihre Seite getreten. Bei einem Hofball im Haag näherte sich ihm die Gemahlin des Erbstatthalters und sagte in klagendem Tone: „Also auch Sie, lieber York, sind uns untreu geworden?“ worauf der Angeredete mit lauter, allen Umstehenden vernehmbarer Stimme die Antwort gab: „Gewiß nicht, königliche Hoheit, denn dem hohen Hause Oranien bin ich zu ewigem Danke verpflichtet. Im Gegenteil, weil mir die Wirtschaft in Holland nicht mehr gefällt, bin ich bereits um meinen Abschied eingekommen.“
Kurz nach diesem Hofball, während York schon seinen Abschied aus den Diensten der Republik in der Tasche trug, ließ ihn die hohe Frau noch einmal zu sich bescheiden, dankte ihm in huldvollen Worten für sein ehrenhaftes Benehmen und forderte ihn auf, ihr Gelegenheit zu geben, diese ihre Wertschätzung durch Erfüllung irgend eines Wunsches beweisen zu können.
„So mögen königliche Hoheit die Gnade haben, mir dazu behilflich zu sein, daß ich wieder in preußische Dienste treten kann,“ sagte York mit sichtlicher Erregung.
„O gern, gern, lieber Herr von York,“ entgegnete die hohe Frau, „nur fürchte ich, daß dazu wenig Aussicht für Sie sein wird, solange mein Oheim, König Friedrich II., lebt. Aber ich will Ihnen Empfehlungen an meinen Bruder, den Prinzen von Preußen, mitgeben,“ sprach sie rasch, „und Sie bis dahin unserer Gesandtschaft in Berlin als Attaché zuweisen.“
Die „Berliner Nachrichten“ vom 7. Februar 1786 enthielten die Anzeige: „Der holländische Kapitän York ist aus Potsdam hier angekommen.“
Kommentare
Kommentar veröffentlichen